Leichtes Gepäck oder Eigentum Deines Eigentums?

Leichtes Gepäck, passend als Reflektion der Urlaubszeit, das soll heute das Thema sein. Inzwischen bin ich hier wirklich Spezialistin und habe durch meine Reisen und ihre Wirkungen auf meinen Alltag viel zu erzählen. Wenn ich mit meinem Rucksack heute für 4, 5, 6 Wochen losziehe, dann trage ich für die ganze Zeit meist weniger als 6 kg auf dem Rücken und kann ihn mit ins Handgepäck nehmen, wenn ich fliege.

Silbermond hat darüber dieses Lied gesungen:

Die Wohltat des leichten Packens habe ich beim Pilgern erfahren. Je leichter das Gepäck, umso leichter und schöner der ganze Weg, umso gesünder für meinen Körper und vor allem meine Füße. Umso beschwingter die Seele! Umso friedvoller der Geist!

Gereist bin ich vorher schon mit leichtem Gepäck, doch gelernt habe ich Ultraleicht-Packen von der Bestsellerautorin Christine Thürmer des Buches Laufen.Essen.Schlafen. Sie hat auch ca. 6 kg dabei, allerdings im Gegensatz zu mir mit Zelt, Isomatte und Kocher. Sie sägt wirklich die Zahnbürste ab und trennt die Etiketten aus ihrer Kleidung. Für sie ist das wirklich sehr wichtig, denn sie läuft durchschnittlich 30 km am Tag über 4000 km lang, da muss man mit den Kräften haushalten. Christine hat keine eigene Wohnung und keinen Stelle mehr, sondern ist das ganze Jahr unterwegs – ein ultraleichtes Leben. Sie brachte mir bei, wie ich einen Rucksack so packen kann, dass man auch ohne integriertes Tragegestell auskommt und schon so ca. 1 kg spart. Anders als Christine habe ich eine Wohnung und arbeite. Sie hat wesentlich mehr losgelassen als ich. Sie sagt: Lebenszeit ist die wichtigste Ressource.

Mehr ist es nicht ... und reicht mir wochenlang.

Mehr ist es nicht … und reicht mir wochenlang.

Beim Packen lasse ich weniger als Christine zuhause – das sind die 2 kg, die sie für ihre Zeltübernachtungsutensilien braucht. Ich übernachte lieber in einem Bett, denn ich „habe Rücken“. Ich pilgere häufiger, als ich wandere. Wir Pilger haben oft eine bessere Infrastruktur. Meinen Packstil nenne ich daher Ultraleicht C+ – Comfort Plus. Ich packe ultraleicht bei den Standarddingen, um die Dinge mitzunehmen, die ich gern dabei habe, ein wenig Luxus, um mich unterwegs mehr zuhause zu fühlen. Dazu gehört mein großes Duschhandtuch, das 200 g mehr wiegt als ein kleines. Oder mein kleiner Schlafanzug (200 g) oder mein Pilgerkleid (200 g). Das ist so schön leicht nachmittags nach dem Duschen, ich fühle mich wohler damit vor allem auch beim Kirchenbesuch. 30 km am Tag versuche ich zu vermeiden, 25 km sind mir auch schon genug, 20 noch besser. Ich will den Weg genießen und Zeit haben, um da zu verweilen, wo es schön ist. Auch Kilometerdruck ist für mich schweres Gepäck. Wenn ich mit dem am Morgen loslaufe, bin ich nur halb so entspannt.

Nicht nur Silbermond, sondern auch die Band Knorkator singt zum gleichen Thema – zugegeben ein etwas anderer Musikstil…

Besonders diese Textpassage finde ich bemerkenswert:

„Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
und werd‘ gefressen von dem, was mich ernährt.
Ich bin der Diener von dem, was ich verdiene,
ich bin der Sklave von dem, was ich versklavt.
Und allen Dingen über die ich verfüge,
füge ich mich brav.“ (Musik und Text von der Band Knorkator)

Kennen Sie das auch? Ich schon. Ich habe alles gehabt, was die Werbung suggeriert: ein eigenes Haus, einen großen Dienstwagen, ein Pferd. Und zusätzlich immer dieses „wenn dies, dann das auch“. Wenn ich einen Garten habe, dann muss ich im Sommer zum Gießen zuhause sein oder jemanden dafür organisieren. Wenn ich eine Menge Zimmer habe, dann brauche ich auch für alle Möbel und mache mir Gedanken ums Design und Beschaffung – das dauert! Wenn ich im Bad 2 Waschbecken, Dusche, Badewanne, Toilette und Bidet habe, na, dann putze ich doppelt so lange – dauert auch. Wenn ich das alles nicht machen will, muss ich jemanden bezahlen. „Wer hat, hat auch Gelass!“ sagte mein Vater, wer hat, muss dafür Raum – und Zeit – schaffen. Und so läppert sich das und produziert mehr und mehr Druck, all dies auch zu erwirtschaften und auch dabei nicht ausfallen zu können. All die Rechnungen im Briefkasten, all die notwendigen Versicherungen, all der Schriftwechsel, all die Ordner, die stetig wachsende Ablage, all die Notwendigkeit, sich zu informieren – heute Information Overload genannt. Schweres Gepäck, vor allem in schwachen Stunden, die wir alle mal haben, oder? Stress. Druck. Öfters sogar Angst. Coole Ideen umsetzen? Hmmm, wie denn? Und wann?

Warum erzähle ich das also? Weil ich unterwegs die Erfahrung gemacht habe, wie wenig ich wirklich brauche. Dass auch das Leben leichter wird, je weniger man hat. Weniger Sorgen, weniger Entscheidungen, weniger Stress, weniger Kümmern, weniger Geld aufzubringen, weniger Druck oder Zwänge im Job, weniger in Ordnung zu halten, weniger Bindung. Mehr Freiheit, mehr Spontanität, mehr Zeit, mehr Ruhe, mehr Seelenfrieden, mehr Raum für das, was mir wichtig ist, was ich angenehm, schön und für lebenswert halte. Ich verzichte nicht, weil ich es mir nie leisten konnte. Inzwischen habe ich eine Wohnung, eine Monatskarte und einen Kater – und bin zufriedener, glücklicher, sorgloser und gelassener denn je. Aussortieren ist einer meiner Lebensvollzüge. Ein neues T-Shirt bedeutet, ein altes geht. Ein kleines Boot ist leichter umzusteuern als ein Tanker. Veränderungen – die immer wieder zum Leben gehören – fallen viel leichter, Träume sind schneller zu verwirklichen. Sich wirklich lebendig fühlen und nicht Teil einer durch Habe vorgegebenen Schiene.

Es betrifft nicht nur mich. Ich war in letzter Zeit an zwei Wohnungsauflösungen alter Menschen beteiligt, die ins Heim kamen. Das war so viel, mit dem die Angehörigen sich konfrontiert sahen, sie wussten kaum, wohin damit. So viel Last für die geliebten Menschen der jüngeren Generation. So viele Dinge, die dann ob der schieren Menge einfach weitestgehend ungewürdigt entsorgt wurden. So viele „Stell-mich-hin-und-staub-mich-abs“. Auch hier ist der Weg zu kleinem Gepäck eine Wohltat – für alle Beteiligten. Sicherlich auch eine wichtige Aufgabe des Alterns, tatsächlich eine Übung zum Loslassen, solange man es noch selber kann. Wenn die Kräfte nachlassen, ist Entsorgen und Beschränkung der Königsweg. Entsorgen ist das schöne Wort, der heilende Impuls dabei: sich und andere von Sorgen, vom Sorgen für etwas befreien.

Steine auf der Seele? Mauern im Geist? Rot sehen?

Steine auf der Seele? Mauern im Geist? Rot sehen?

Ein weites Feld zum Aussortieren, Loslassen und Entsorgen sind auch unsere Emotionen. Tragen wir nicht so viel mit uns herum, tragen wir anderen nicht so viel nach! Vergebung, Psychotherapie, Aussprache, intensive Gebete, spirituelle Praxis wie Meditation: Das Leben wird leichter, die Seele wird leichter. Beziehungen werden leichter. Entladen wir unseren Lebensrucksack, indem wir schwere Erlebnisse durcharbeiten, sie würdigen und sie so aus dem Rucksack herausnehmen und hinter uns lassen. Indem wir uns mit denen aussprechen, bei denen wir noch nachtragend sind, und ihnen vergeben. Indem wir unsere emotionalen Lasten auf ihren Wahrheitsgehalt hinterfragen und vielleicht dann feststellen, dass wir auch entspannter und weniger schwermütig darüber denken können. Indem wir unsere Erwartungen rechtzeitig prüfen, sie nicht unserer Zukunft auflasten und so seltener enttäuscht werden. Indem wir unsere Lügen und Unwahrheiten aufklären und so nicht noch zusätzliche Lügengebäude mitbewirtschaften müssen. Vielleicht nicht ständig, aber immer wieder. Verarbeitete Gefühle und aufgelöste Traumata ersparen uns viel Stress, viel Zorn, viel Schwermut, viel Groll, viele Ängste, viele Irrwege, viele neue Verletzungen – eine nie zu unterschätzende Lebenslast. Klar, es kostet Zeit, Mut und die Bereitschaft, sich selbst anzusehen, aber was kostet und wie schwer belastet es uns sonst?

Auch die Apostel bestätigten Jesus die Vorteile leichten Gepäcks in Lukas 22, 35 (Lutherbibel 1984): Und er sprach zu ihnen: Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr da je Mangel gehabt? Sie sprachen: Niemals.

Ein weiteres, hilfreiches Bibelwort finden wir in Lukas 12,34 (Gute Nachricht Bibel) und so ähnlich auch in der Bergpredigt in Matthäus 6: »Verschafft euch Geldbeutel, die kein Loch bekommen, und sammelt Reichtümer bei Gott, die euch nicht zwischen den Fingern zerrinnen und nicht von Dieben gestohlen und von Motten zerfressen werden. Denn euer Herz wird immer dort sein, wo ihr eure Schätze habt.«

Was bleibt denn am längsten? Glückliche Erinnerungen, Freude über gelebtes Leben, sich selbst wirklich gespürt zu haben, erhebende Naturaufenthalte, gute Beziehungen in Familie und unter Freunden, persönliche Abenteuer, erweckende Gotteserlebnisse, inspirierende Begegnungen, kreative Zeiten mit sich selbst. Das macht innerlich reich, erhebt die Seele, wiegt nichts, ist Teil unserer Geldbörse im Himmel. Das hält, wenn jeder Job schon längst verschwunden, jedes Möbelstück verschlissen, jedes Auto verschrottet und jede berufliche Identität sich aufgelöst hat. Platz braucht das nicht und Auffinden lassen sie sich leicht. Und die wenigsten sagen am Sterbebett: „Ach wenn ich doch bloß mehr gearbeitet hätte…“

Wenn keine Bedürftigkeit beim Empfänger besteht: Schenken Sie anders, schenken Sie lieber immateriell! Für das, was wir erhalten, können wir jedem, fast ohne Dazutun, etwas anderes zurückgeben als Geld oder Geschenke, etwas viel Schöneres, etwas, was viel mehr wir selbst sind und aus uns herauskommt. Denn etwas anderes – außer sich selbst – braucht man nicht unbedingt zu geben. Wie ist es mit Zuhören, Zeit haben, Freude und Leid oder eine Mahlzeit teilen, für jemanden Da sein, jemandem den Rücken stärken, mal was abnehmen, gemeinsame Erinnerungen schaffen. Ist es nicht dies, was das Leben angenehm, schön und lebenswert macht?

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Mein 6-kg Rucksack auf dem Camino del San Salvador, dem Weg unseres Heiligen Retters in Spanien auf ca. 1500 m.

Mein Tipp daher: Machen Sie es sich leicht! Machen Sie sich Luft und Ihr Leben freier. Schauen Sie in regelmäßigen Abständen Ihre Habe durch und geben Sie weg, was Sie nicht mehr brauchen. Sortieren Sie mal Ihren Kleiderschrank und Keller aus. Nach 10 Jahren dürfen Sie die meisten Akten entsorgen. Nehmen Sie sich jedes Jahr Zeit dafür, damit es jedes Jahr ein wenig ist. Das fällt viel leichter, als auf einmal mehrere Jahre aufzulösen. Wenn wir an den großen Lebensumstieg-Stationen ankommen wie Auszug aus dem Elternhaus, Hochzeit, Umzug, Trennung, Flüggewerden der Kinder, Verrentung: Nutzen wir sie, um Übergepäck abzuwerfen. Nehmen wir nur wenig mit. Lieber ein Fotobuch über die Zeit als einen weiteren Karton.

Auch dies meinte Jesus in Matthäus 11,28-30: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ Er war kein Freund von großem Besitz und schwerem Gepäck, von Horten und Sammeln. Wohl aber von viel Liebe, viel Zeit, viel Gemeinschaft, viel Gott im Leben. Und davon, dass jeder genug hat, nämlich soviel er braucht. Dann reicht es auch für alle.

Die Freude, das intensive Glücksgefühl über eine Nacht in einem Bett, ein warmes Essen – wer hat die schon, wenn er wohnt, ein Bett hat, und sich jeden Abend dort schlafen legt. Wer aber mal eine Zeit kein Bett besitzt, eines bekommt und dort warm und weich schlafen kann, ist voll des Glücks. Heute freue mich jeden Tag darüber, bin jeden Tag dankbar, hier wie auch in der Zeit auf dem Jakobsweg. Christine spricht von Körperglück, das so viel direkter ist und schneller fühlbar glücklich macht als eine Gehaltserhöhung.

Die Zeit haben, Pilger! Du bist so reich! Von der Via Podiensis in Frankreich

Die Zeit haben, Pilger! Du bist so reich! Von der Via Podiensis in Frankreich

Wenn man dies nicht kennenlernt, wenn man seine Komfortzone nicht verlässt, geht man mit Situationen von Bedürftigkeit so um: Man bittet nicht, man ruft nicht Gott um Hilfe, sondern man löst das Problem mit Geld, indem man etwas kauft, jemanden bestellt oder bezahlt. Wenn man aber Bedürftigkeit zulässt oder sogar darauf angewiesen ist, sich auf die Welt bzw. Gott zu verlassen, dann wird „der Tag auch für sich selbst sorgen“, wenn man sich gleichzeitig selbst um Gottes Reich bemüht, dort, in die gemeinsame Geldbörse des Himmels „einzahlt“. Wenn man Geld hat und Sicherheit hat, dann kann Gott weniger hervortreten mit seinen Wundern, seinen Gaben. Man sorgt für sich selbst, kauft sich Sicherheit und der Zufall hat weniger Chance einen zu überraschen. Man braucht Gottes Reich nicht zu erfahren und tut es daher nicht in dem Maße wie der, der darauf angewiesen ist. Christine Thürmer sagt immer, kaum ein Mensch weiß, wie glücklich ein Schokoriegel machen kann, wenn man wenig hat. Das kleine Glück kann viel mehr – und auch öfter – in den Vordergrund treten – wie auch in dieser Geschichte meiner ersten Reise.

Ich fordere Sie jetzt nicht auf, es radikal zu handhaben, ich predige nicht Asketentum, kein Leben auf dem Drahtseil, nicht Mangel, nicht drückende Armut. Nicht jeder muss zum Franz von Assisi werden. Meine Erfahrung ist: Es tut gut, lediglich soviel zu nehmen wie man braucht. Und vielleicht noch 2 kg C+ im Schokoriegelformat. Für etwas Wohlgefühl und Süße des Lebens, für etwas Schönheit oder Kunst, für etwas Freude. Mehr ist es nicht.

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Pure Leichtigkeit und Freiheit – nahe Lectoure auf der Via Podiensis in Frankreich

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